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wir uns eine junge Frau in Deutschland vor, die
ein Ersatzteil für
ihre Vespa braucht, sagen wir, ein Vorderlicht.
Es handelt sich um ein älteres Modell, wie
es heute nicht mehr hergestellt wird. Die junge
Frau fährt mit ihrem Motorroller zur Vespa-Werkstatt,
und der Händler sagt ihr: Nein, ein solches
Licht führe er nicht, das kaufe niemand mehr.
Wenn die junge Frau
dem Händler nun antwortet,
er solle bitte schön mal in seinem Lager
nachschauen, ob er das Vorderlicht vielleicht
nicht doch irgendwo...? "Hören Sie",
entgegnet der Händler gereizt, "ich
kenne doch mein Lager!" Die junge Frau nickt
und zieht von dannen. Sie bezweifelt nicht, dass
der Händler sein Lager kennt. Es ist ein
deutscher Händler.
Dieselbe junge Frau sucht ihr Ersatzteil in Spanien, sagen wir, in Madrid. Sie fährt mit ihrer Vespa zur Werkstatt und erkundigt sich.
José, so nennen wir den jungen Mann
im Hof, zuckt ratlos die Achseln. Er ruft Ramón,
der hinzutritt und anerkennend die junge Frau
und die schöne Vespa mustert. Dann schüttelt
Ramón den Kopf. Er pfeift durch die Zähne
und Paco taucht auf. Aber auch Paco, der die
Vespa ebenfalls bewundert, kann sich nicht erinnern
ein solches Vorderlicht - nicht kantig, sondern
gerundet - im Lager gesehen zu haben.
Man berät, bemitleidet die junge Frau,
deren Suche bisher vergeblich war, lobt ihr Spanisch,
lobt dann noch mal die Vespa und ruft schließlich
Julio. Und Julio erinnert sich an ein Vorderlicht,
eines von den alten, gerundeten, das schon seit
Ewigkeiten niemand haben will und das noch irgendwo
im Lager herum liegen muss. Drei Minuten später hält er es triumphierend in der Hand, alle lachen, teuer ist das Vorderlicht auch nicht, weil es ja schon fast ausgemustert war.
Die erste Geschichte
trägt sich wahrscheinlich
täglich in dieser oder ähnlicher Form
in Deutschland zu. Die zweite hat sich ziemlich
genau so abgespielt - in Spanien.
Man könnte sich
nun fragen, was die vier Leute in der Madrider
Werkstatt den ganzen Tag machen.
Womöglich ist das Ersatzteillager in einem
so fürchterlichen Zustand, dass man mindestens
vier Leute braucht, um das Chaos in den Griff
zu bekommen. Oder einer hat einen Freund mitgebracht,
der gerade nichts zu tun hat und ebenso gut in
der Werkstatt herumtrödeln kann, wie in
seiner Bude.
Kurz der Charme des
geschilderten Erlebnisses, der erfolgreichen
Suche nach dem Vorderlicht, gründet wahrscheinlich
auf einer gewissen Unordnung und Ineffizienz
der Lagerhaltung.
Doch wie sehr man an
der kleinen Geschichte auch herumdeutet, ihre
Ursachen und Vorbedingungen untersucht, das
Ergebnis bleibt davon nicht unberührt.
Die junge Frau mit der Vespa wird aus der Werkstatt
nicht nur ein Vorderlicht (gerundet) mitnehmen,
sondern auch einen sehr guten Eindruck, dem keine
spätere Erfahrung etwas anhaben kann.
Und das nicht etwa in der Provinz, sondern in der
spanischen Hauptstadt! Sie wird die Madrilenen, die Spanier, die Südländer als solche loben und preisen. Bis sich
im Laufe der nächsten
Woche die Frage stellt, ob sie gut beraten ist
ihr schönes Gefährt in Madrid überhaupt
zu benutzen, denn der Verkehr auf den pockennarbigen
Strassen ist lebensgefährlich, und das Rot
der Ampeln scheint für Autofahrer nur Empfehlungscharakter
zu haben. Diese unerfreuliche Erfahrung macht die
positive nicht zunichte, aber sie relativiert sie.
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